Dienstag, 10. März 2015

Editorial Kongress-Brief Gender-Gesundheit (Juli/August 2016)




Schwimmen mit Burkini? Nach dem die Sommer- und Feriensaison mit terroristischen Anschlägen tragisch startete, schien mit dem "Burkini-Streit" an Frankreichs Stränden endlich ein wirkliches Sommerthema gefunden. An der Auseinandersetzung um religionskonforme Badebekleidung muslimischer Frauen konnten Urlauber an allen europäischen Stränden teilhaben. Fotos, auch in der Tageszeitung meiner spanischen Sommer-Wahlheimat, zeigten wie eine am Kopftuch erkennbare muslimische Frau, umgeben von leichtbekleideten Geschlechtsgenossinnen sich vor drei mit schusssicheren Westen bewehrten männlichen französischen Polizisten eines Ganzkörperüberwurfs, den sie über ihren Ganzkörper-Badeanzug trug, zu entledigen hatte. Wurden im Spanien der 70er Jahre bikinitragende Frauen noch nachdrücklich dazu angehalten, sich vollständiger zu bedecken, entbehrt 2016 der umgekehrte Anspruch nicht einer gewissen Komik.
Während u.a. im Iran eine "Religionspolizei" mit erniedrigenden Methoden dafür sorgt, dass Frauen sich "züchtig" kleiden und jedes hervolugende Haar ahnden – vollziehen am Strand von Nizza bewaffnete französische Polizisten die gegenteilige Forderung, um das seit August geltende Burkiniverbot durchzusetzen. Nach der jüngsten islamistisch motivierten furchtbaren Terrorattacke am 14. Juli in Nizza, lässt sich die Abwehrreaktion gegen sichtbare muslimische Kleiderordnung v.a. am Strand emotional nachvollziehen. Aber hätte man hier nicht wenigstens weibliche Polizisten auf Strandstreife schicken können? Mit dem Zwang, sich der Verhüllung vor versammeltem Strandpublikum und Handy-Fotografenzu entledigen, ist nicht etwa eine größere Freiheit für die Betreffende gewonnen, sondern sie wird ähnlich wie im Iran an den Pranger gestellt. Nur eben mit umgekehrten Vorzeichen.
Paradoxerweise, und das hat mein Mann sofort erkannt, dient eine Vollverschleierung dazu, Frauen in der Öffentlichkeit unsichbar zu machen, d.h. als eigenständige Personen zu negieren. Der Burkini dagegen macht sie sichtbar(er) – wenigstens am Strand. Warum nicht in kleinen Schritten voran? Vor rund 100 Jahren hatte die weibliche Bademode erstaunlich viel Ähnlichkeit mit dem heute umstrittenen Kleidungsstück; bestehend aus einem Badehäubchen, einem Oberteil mit Ärmeln und Röckchen, das den (damals) "unaussprechlichen" Teil der Dame bedeckte und natürlich den Beinkleidern. Auch die männliche Bademode bezog den Oberkörper mit ein. Wie dem Burkini durchaus ein positiver Aspekt abgewonnen werden kann, zeigt z.B. das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Leipzig, das 2013 entschied, dass Schülerinnen, die einen Burkinin tragen könnten vom Schwimmunterricht nicht mehr dauerhaft befreit würden. In jedem Fall dürfte das Mehr an Stoff den Trainingseffekt beim Schwimmen verstärken. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sich z.B. muslimische Männer solidarisch zeigten und gleichfalls ihren ganzen Körper für die Badefreuden bedeckten. Abwegig? Eine Initiative junger Männer der islamischen Republik Iran posten unter dem Hashtag #meninhijab ihre Interpretation von Verschleierung und zeigen sich mit Kopftuch oder im Vollverschleierungsoutfit neben ihren "unbedeckten" Frauen.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Genderaspekte bei Diabetes?

Diabetes mellitus Typ 2 wird die Gesundheitspolitik und die große Koalition in diesem Jahr beschäftigen und vermutlich nicht nur in diesem Jahr. Die Zahlen der aktuellen Erkrankungen und der neu hinzukommenden zeugen von epidemischem Ausmaß: von z.Z. 6.000.000 an Diabetes Erkrankten, leiden ca. 5.700.000 am Typ 2 Diabetes, also rund 7 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Tendenz steigend, bei jährlich 270.000 und täglich 750 Neuerkrankungen. Mit einem "Nationalen Diabetesplan" will man sich nun der Entwicklung entgegenstemmen.
Aufklärung und Schulungen sollen bei den Patientinnen und Patienten ansetzen. Prävention, Grundlagenforschung und Datenbanken sind die gefragten Mittel. Hier wäre ein geschlechtsspezifischer(er) Ansatz wünschenswert, um möglichst gezielt auf die Betreffenden einzugehen und damit die Behandlung – besser noch die präventiven Maßnahmen – möglicherweise effizienter zu gestalten. Noch sind die Formulierungen etwas allgemein.
Eine stärkere Berücksichtigung der biologischen Aspekte und des sozialen Umfelds könnte für Verbesserungen bei Diagnose und Behandlung der Krankheit führen. Beispiel: Ein niedriger Testosteronspiegel kann bei übergewichtigen Männern für eine Insulinresistenz sorgen; ein erhöhter Androgenspiegel dagegen bei Frauen zu einem erhöhten Diabetesrisiko führen. Die Gefahr an einem Schlaganfall zu versterben, ist bei Diabetikerinnen um das 3 bis 7 fache höher als bei ihren männlichen Leidensgenossen. Das komplexe Wechselspiel zwischen Hormonen und blutzuchersenkenden Medikamenten wird an der Universtität Wien derzeit noch erforscht.
Diabetikerinnen erfahren ihre Diagnose häufig erst nach der Menopause, also deutlich später als Diabetiker. In der Folge fühlen sich diese Frauen oft allein gelassen und können zudem an einer Depression erkranken. Der bewusste Umgang mit der Krankheit fordert viel von den Betroffenen – und hier spielt der psychosoziale Hintergrund durchaus eine Rolle; denn um eine Lebensumstellung umzusetzen, braucht es Aufklärung und eine nicht geringe Kompetenz die Informationen in den Alltag zu integrieren. Erkrankten Frauen fehlt häufig ein Berufsabschluss, während Männer größtenteils über eine qualifizierte Berufsausbildung verfügen. Frauen  arbeiten – wie sonst auch – meist in Teilzeit, versorgen Familie, Haushalt und ggf. zu pflegende Angehörige. Doppelbelastung und überwiegend traditionelle Lebensumstände machen eine Ernährugsumstellung nicht leicht und lassen die empfohlene sportliche Betätigung in den Hintergrund treten. Männer gilt es dagegen für präventive Maßnahmen zu gewinnen und das ist – nicht nur im Bereich Diabetes – eine eigene Herausforderung.

Der vermeintlich weiche Faktor "Kommunikation" scheint für eine erfolgreiche Behandlung der Volkskrankheit nicht unerheblich. Eine bereits 2008 in Kanada durchgeführte Untersuchung zeigt, dass auch das Geschlecht der behandelnden Ärzte Einfluss auf den Behandlungserfolg haben. Hier waren Ärztinnen insgesamt erfolgreicher. (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18397244)

Montag, 17. November 2014

Editorial Kongressbrief Gender-Gesundheit (Dez. 2014)

Frauen und Pflege. Das scheint irgendwie zusammen zu gehören; in der beruflichen wie der privaten Praxis und – das vor allem – immer noch im gesellschaftlichen Selbstverständnis. Das Pflegezeitgesetz verspricht zwar Abhilfe bei der schwierigen Frage, wie die Fürsorge für nahe Angehörige und der Beruf in Einklang gebracht werden können. Ob aber ein Rechtsanspruch auf eine
Verringerung der Arbeitszeit und auf Rückkehr zur gewohnten Arbeitszeit das Dilemma wesentlich mindert, wird die Zukunft zeigen. Denn wie sieht es auf Arbeitgeberseite aus, müssen doch die Betriebe mit der reduzierten Arbeitszeit oder gar dem temporären Ausfall der Arbeitskraft umgehen?
Vor allem kleineren und mittleren Unternehmen fällt es oft schon schwer, Schwangerschaftsurlaub und Elternzeit organisatorisch und finanziell zu stemmen. Nun sind es nur Frauen, die Kinder bekommen können und in der ersten Zeit versorgen. Wenn jedoch weiterhin wie selbstverständlich von der Prämisse ausgegangen wird, dass Frauen später auch die Pflege für Angehörige übernehmen, sind mit einem weiblich besetzten Arbeitsplatz weitere – nennen wir es mal unpopulär – Belastungen verknüpft. Inwieweit sich das künftig im Rekrutierungsverhalten der Betriebe auswirkt, wird sich zeigen. Die Teilzeitfalle schnappt für viele Frauen schon jetzt beim Gehalt und später bei der Rente zu – bei der Karriereentwicklung sowieso. Schließt sich an die Phase der Kindererziehung die Pflege von Angehörigen an, schließt sich auch hier der Kreis. Die Aufnahme eines – zwar zinslosen – Darlehens, um den Verdienstausfall zu kompensieren, dürfte für viele Berufsgruppen, in denen vorwiegend Frauen beschäftigt sind, nicht leicht fallen.
Das Pflegezeitgesetz ist ein richtiger Schritt in die richtige Richtung und mag im individuellen Fall auch eine große Erleichterung sein. Die Bewältigung der Lebensaufgaben, die außerhalb einer Erwerbstätigkeit liegen, wie Kindererziehung und/oder Pflege, muss in Zukunft strukturell jedoch gesamtgesellschaftlich gelöst werden. Hier wären Überlegungen wünschenswert und zu bündeln, die nicht traditionelle Zuschreibung fortsetzten, sondern wirklich innovative Ansätze lieferten. Vielleicht beflügelt ja das Neue Jahr! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesundes und erfolgreiches 2015, mit vielen frohen Stunden.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Jahrbuch Gendergesundheit 2014

Ich freue mich Ihnen das „Jahrbuch Gendergesundheit 2014“ heute vorstellen zu dürfen. Das Buch fasst grundlegende Aspekte der Diskussion zur Gendergesundheit zusammen und lässt die wichtigsten Akteure zu Wort kommen. Außerdem präsentiert der Band in einem ausführlichen Schlusskapitel die Ergebnisse des „Bundeskongress Gender-Gesundheit“ im Jahr 2014, der alljährlich eine Plattform für den interdisziplinären Austausch der Akteurinnen und Akteure im Gesundheitswesen etablieren ...möchte. Ziel ist es dabei ausdrücklich nicht, gegen ein bislang eher männlich ausgerichtetes Gesundheitssystem zu polemisieren, Anspruch des Jahrbuchs und des Kongresses ist es vielmehr, die unterschiedlichen Zugänge und Versorgungsnotwendigkeiten beiderlei Geschlechter in den Fokus zu nehmen und damit eine möglichst zielgenaue Versorgungseffizienz der auf allen Ebenen knapper werdenden Ressourcen zu erreichen. Vor allem die Forderung nach einem Gender-Blick auf unser Gesundheitssystem ist ein akut fälliger Schritt für eine gesundheitliche Versorgung nach den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts. Mit dem Jahrbuch zur Gender-Gesundheit möchten die Herausgeberinnen ( Prof. Dr. Clarissa Kurscheid und Dr. Martina Kloepfer) und Autorinnen sowie der Herausgeber (Dr. Albrecht Kloepfer) und die Autoren Themen aus den Bereichen Medizin, Beruf, Wissenschaft und Gesellschaft nachhaltig begleiten und so dem Thema einmal mehr Bedeutung über den Kongress hinaus verleihen.

Weitere Informationen unter:http://www.amazon.de/Jahrbuch-Gendergesundheit-2014-Gesellschaft-Gesundheitsmarkt/dp/3862161498

Mittwoch, 16. April 2014

2. Bundeskongress Gender-Gesundheit

Editorial des KongressBriefs GenderGesundheit (März 2014)

"Wollen wir überhaupt Frauen in der Medizin haben?" Mit dieser Frage konfrontierte die designierte Präsidentin des Weltärztinnenbundes, Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer, die Teilnehmer des  2. Bundeskongresses Gender-Gesundheit am 13. und 14. März. Der rasant steigende Frauenanteil unter der Ärzteschaft wird durchaus auch als Bedrohung gesehen. So wird paradoxerweise der wachsenden Zahl von Ärztinnen eine Mitverantwortung für den Ärztemangel zugeschrieben und (aufgrund notwendiger Umstrukturierungen) für die steigenden Kosten im System. Aha! Also die Frauen sind schuld? Auch wenn diese (schlichten) Äußerungen stark an die Vorbehalte derjenigen erinnern, die vor über 100 Jahren den Untergang der Medizin fürchteten, sollten Frauen dieses Fach studieren; machen sie andererseits klar, dass es ernst wird mit dem "Wertewandel". Altes muss überdacht und vielleicht aufgeben werden, der Untergang wird spürbar und, wie bei jeder Neuerung, das Kommende dämonisiert – bis es (irgendwann) Alltag wird. Manches Selbstverständnis und mancher Wertekanon wird nicht mehr haltbar sein. Die nicht zwingend kostspielige Vereinbarkeit-von-Familie-und-Beruf  wird neue Strukturen schaffen, in der Außerberufliches einen anderen Stellenwert hat und 72-Stunden-Wochen weniger als Ritterschlag gelten, sondern eher als gesundheitlicher Leichtsinn. Christian Kraef, Präsident der Bundesvertretung der Medizin-studierenden in Deutschland (bvmd) ergänzte, dass auch die künftigen jungen Ärzte um die richtige Balance von Beruf und dem restlichen Leben bemüht sind.

Hierarchien werden durchlässiger werden – müssen. Arbeitszeiten flexibler und bestimmte Aufgaben werden delegiert werden – müssen, um für mehr Effizienz und Entlastung zu sorgen. Kurz: neue Modelle müssen gedacht und ausprobiert werden; im Arbeitsalltag, aber auch bereits in der Ausbildung. Flacherer Hierarchien fordern eine Kommunikation auf Augenhöhe und sorgen für ein Arbeitsumfeld in dem die Dropout-Quote sinkt, auch die der jüngeren männlichen Ärzteschaft. Ein weniger durch Hierarchiedenken geprägtes Arbeitsumfeld, könnte auch dazu führen, dass mehr Frauen eine Chefarztposition oder eine Professur einnehmen. Hier ist die mangelnde Vereinbarkeit weniger ausschlaggebend wie der Vergleich mit der ehemaligen DDR zeigt; denn trotz besserer Betreu-ungssituation waren auch hier nur wenige Ärztinnen auf höheren Positionen zu finden. Würde sich das Verhältnis von Medizinern und Medizinerinnen, das vor 15 Jahren bereits die Marke 50:50 erreicht hatte, annähernd in den Fakultäten der Universitäten spiegeln, hätten wir Fragen zur geschlechtsspezifischen Behandlung von koronaren Herzerkrankungen oder einer Depression oder auch einer angemessenen Medikation vielleicht früher gestellt.
Flachere Hierarchien und der Mut zur Delegation könnten auch zu einer größeren Wertschätzung und damit zur wachsenden Attraktivität des Pflegeberufes beitragen. Im Gegensatz zum prestigeträchtigen und besser bezahlten Arztberuf ist die Feminisierung in der Pflege ganz selbstverständlich. Für eine ansatzweise Maskulinisierung bedarf es der Nachbesserungen, die lange überfällig sind. Eine Männerquote könnte hier vielleicht für Beschleunigung sorgen.

Freitag, 10. Januar 2014

"Feminisierung in der Medizin"? Nicht alle sind überzeugt...


Editorial des KongressBriefs GenderGesundheit

Ein Blick über den deutschen Tellerrand zeigt, dass auch in anderen Ländern, der medizinische Nachwuchs zunehmend weiblich ist. In England überwiegt hier in der Altersgruppe der unter Dreißigjährigen der Frauenanteil mit 60 Prozent. Selbst im Geburtsland der Frauenrechtsbewegung wird diese Entwicklung auch als Gefahr wahrgenommen. In einem Artikel der Daily Mail vom 02. Januar 2014 schreibt sich der Herzspezialist, Professor J Meirion Thomas die Sorgen um das englische Gesundheitswesen von der Seele: Why having so many women doctors is hurting the NHS: A provocative but powerful argument from a leading surgeon. Die im Durchschnitt besseren Leistungen weiblicher Studenten kann zwar nicht geleugnet werden; aber nur wenige Zeilen später wird den Ärztinnen mangelnde Bereitschaft unterstellt, entbehrungsreiche Dienste und familienuntaugliche Zeiten in Kauf zu nehmen und bestimmte Facharztausbildungen gar nicht erst anzustreben. Picken sich Ärztinnnen nun die Rosinen raus oder sind sie schlicht nicht in der Lage, den vollen Arztberuf mit seinen Bedingungen zu erfüllen – eben wegen der Kinder? Diese Argumente sind durchaus auch auf deutsch zu hören. Der Klassiker? Frau ist allein verantwortlich für die Kinderbetreuung? Inzwischen interessieren sich aber auch zunehmend jüngere Männer für eine Balance zwischen Privatleben und Beruf. Eine Generationenfrage? Konstruktives wie z.B. eine Kinderbetreuung, die rund um die Uhr abgerufen werden kann, scheint nicht vorstellbar. Beispiel: die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau bietet eine Betreuung auch an Wochenenden und Feiertagen an. Ein Kindergartenplatz in England kann sich durchaus auf 150 £ pro Woche belaufen und ist noch schwerer zu bekommen als in Deutschland. In einigen Diskussionsbeiträgen wird Frauen empfohlen, schlicht die Finger vom Arztberuf zu lassen. Welcher Mann, der sich für ein Medizinstudium entschieden hat, würde zu Gunsten des Nachwuchses verzichten und  eine familienkompatiblere Tätigkeit wählen und z.B. Krankenpfleger werden? Eine ehrliche Diskussion um die „Feminisierung der Medizin“ müsste eigentlich Pflege-berufe und nichtärztliche Gesundheitsberufe mit einschließen – hier aber wird die deutliche weibliche Überzahl durchaus nicht kritisch gesehen, sondern als gegeben und „normal“ hingenommen. Müsste man um die Versorgung der PatientInnen fürchten, wenn hier ein ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichem und weiblichem Pflegepersonal existierte? Vielleicht würden Patienten und männliche zu Pflegende von einer "Männerquote" sogar profitieren...?
Dass die Medizin in wenigen Jahrzehnten weiblicher geworden ist, mag manchem als Phänomen erscheinen und anderen als Bedrohung. Die Schärfe einiger Beiträge zeigt, dass die bevorstehende fundamentale Veränderung sehr wohl geahnt wird, tritt sie doch im Gesundheitswesen besonders deutlich zu Tage. Frauen, haben in den 100 Jahren, in denen ihnen überhaupt der Zugang zu einem Universitätsstudium gestattet ist, rasch aufgeholt und werden mit ihrer Lebens-wirklichkeit diese Berufe ausüben – angesichts des demografischen Wandels ausüben müssen. Statt in einem Entweder-oder-Modus zu verharren, wird zunehmend in Sowohl-als-auch-Kategorien gedacht werden müssen. 

Mittwoch, 19. Juni 2013

Dynamische Entwicklung - oder zementierte Strukturen?


Sind erst mal genügend Frauen an der "Basis", dann ergibt sich der Rest in den Führungsetagen ganz von selbst. So die gängige Argumentation von überzeugten Quotengegnern. Für manche technischen Bereiche mag diese Schlussfolgerung verfangen, ein Blick auf das Gesundheitswesen zeigt, dass hier durchaus kein Automatismus vorliegt. Die beträchtliche Zahl von MedizinerINnen und die noch beträchtlichere Zahl von PflergerINnen spiegelt sich auf den Entscheidungsebenen keineswegs wider.
Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr verspricht Abhilfe mit dem Versorgungs-strukturgesetz und bemängelt im Interview mit der Süddeutschen Zeitung die tradierten Strukturen in Krankenhäusern, ohne allerdings konkrete Maßnahmen zur Abhilfe zu verraten. Allein auf eine demografische Entwicklung, innere Einsicht und die Vereinbarkeit-von-Familie-und-Beruf zu setzen scheint  – gelinde gesagt – optimistisch. Ohne eine deutlich höhere Anzahl an Oberärztinnen, Chefärztinnen und nicht zuletzt an Professorinnen und Dekaninnen wird sich an einer Kommunikationsform, häufig einem starren "Oben" und "Unten" geschuldet, an Arbeits-zeiten, die ein Familienleben ohne "Backoffice" (früher die sorgende Ehefrau) unmöglich machen, und an der m/w-Verteilung der wissenschaftlichen Veröffentlichungen nur sehr, sehr langsam etwas ändern.
Diese Bedingungen sind oft wenig attraktiv für junge Ärztinnen und auch Ärzte und mit dem angestrebten Lebensentwurf wenig kompatibel. Ein Teil der Nachwuchsmediziner entscheidet sich gleich für eine Karriere in der Wirtschaft und gegen die Versorgung. Mehr Männer als Frauen. Ein Teil widmet sich der Forschung und ein anderer Teil geht – sobald möglich – in den niedergelassenen Bereich. Cherchez la femme...! Auch hier sind es häufig Ärztinnen, die eher das "platte Land" versorgen und weniger in den lukrativen Ballungszentren zu finden sind. Möglich, dass das Versorgungsstrukturgesetz hier etwas bewirkt; aber eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie sie die FDP anbietet, wird nicht genügen und verortet die familiäre Verantwortlichkeit implizit wieder bei den Frauen.
Ein echter Strukturwandel, der den Namen auch verdient, kann vor tradierten Denkmustern nicht halt machen. Junge Frauen brauchen weibliche Vorbilder – zur Orientierung und für's Selbstvertrauen. Genau wie junge Männer männliche Vorbilder brauchen. Es ist nicht lustig im Studium (wie mir von einer Studentin berichtet wurde) auch scherzhaft (?) mit "Schwester" angesprochen zu werden, während der Komilitone schon weit vor seiner Promotion auf "Doktor" hören darf.
Diese Geschlecht und pflegerische Leistung herabsetzenden Denkschablonen werden erst bei einer ausgeglichenen Besetzung der Führungsposten weichen. Und dann werden – ganz selbstverständlich – auch mehr Frauen auf diese Posi-tionen folgen.
Die liberale Haltung, jegliche Quote, sei sie gesetzlich festgeschrieben oder flexibel, abzulehnen, heißt ein Druckmittel aus der Hand zu geben. Eine Quote kann nicht Selbstzweck, sondern nur Vehikel sein. Erinnert sei hier an die heftige Diskussion um die 1976 endlich eingeführte Gurtpflicht. Darf ein liberaler, demokratischer Staat seine "mündigen Bürger"  zwingen, sich hinter dem Lenkrad zu "fesseln"? So die Kernfrage. Ohne den staatlichen und bußgeldbewehrten Zwang würden zahlreiche Autofahrer bei Unfällen wahrscheinlich heute noch mit dem Kopf durch die Windschutzscheibe gehen.