Freitag, 11. November 2016

Editorial Kongress-Brief Gender-Gesundheit (Oktober 2016)

Jetzt ist es passiert: Das Ultraschallscreening auf Bauchaortenaneurysma wird bei Frauen nicht erstattet. Begründung des GBA: "Die Studienlage belegt den Nutzen eines Ultraschall-Screenings auf Bauchaortenaneurysma für Männer. Sie ergab jedoch keinen Anhaltspunkt für einen Nutzen für Frauen."  Nun hat jene Verkürzung stattgefunden, die an dieser Stelle im August 2015 bereits vorhergesagt wurde. In der Begründung des IQWiG heißt es: "Es ergibt sich für Gesamtmortalität, Ruptur-Häufigkeit, Anzahl Notfalloperationen und Anzahl elektiver Eingriffe kein Anhaltspunkt für einen Nutzen des Ultraschall-Screenings auf BAA für Frauen. Für BAA-bedingte Mortalität lagen keine Daten für Frauen vor." Unterschied bemerkt? Im Wortlaut des IQWiG wird auf die maue Datenlage verwiesen, die weitere Aussagen über ein Nutzen eines Screenings für Frauen nicht zulässt. Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: hier wird Quantität mit Qualität verwechselt.
Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) hat darauf hingewiesen, dass 2013 immerhin 2.000 Frauen mit einem Bauchaorten-aneurysma ins Krankenhaus eingeliefert wurden, denen ein solches Screening in der Vergangenheit möglicherweise geholfen hätte; denn Risikofaktoren und Krankheitsverlauf scheinen für beide Geschlechter zu gelten. Also, qualitativ betrachtet, hätte ein Ultraschallscreening bei entsprechend gefährdeten Frauen durchaus einen Nutzen. Sie stellen laut GBA aber nur 0,5 bis 1 Prozent der Betroffenen in der Risiko- und Altersgruppe über 65, während Männer mit 4 bis 8 Prozent deutlich häufiger betroffen sind. Quantitativ könnten also mehr Männer von einem Screening profitieren als Frauen. Daraus aber "keinen Anhaltspunkt für einen Nutzen für Frauen"  abzuleiten scheint gewagt und lässt Fragen an einer objektiven wissenschaftlichen Verfahrensweise aufkommen. Im Klartext müsste es eher heißen, dass Frauen, die Gefahr laufen, von einem Bauchaortenaneurysma betroffen zu sein, dieses diagnostisches Verfahren entweder selbst bezahlen oder darauf verzichten.

Wie wird in Zukunft wohl die Argumentation aussehen, wenn es um eine bessere Versorgung der rund 700 Männer geht, die jährlich an Brustkrebs erkranken? Welchen Erfolg das Versorgungsforschungsprojekt, der Deutschen Krebsgesellschaft und der Universität Bonn haben wird, das gezielt nach den Bedürfnissen dieser Gruppe fragt, inwieweit seitens des IQWiG ein "Nutzen" diagnostischer und theoretischer Methoden für dieses eine Prozent der Neuerkrankungen festgestellt wird, muss  sich zeigen. Die künftige "Studienlage" bleibt abzuwarten.

Dienstag, 11. Oktober 2016

Editorial Kongress-Brief Gender-Gesundheit (September 2016)


Lohngleichheit...ein Traum wird wahr?? Manuela Schwesig (SPD) wäre ein epochaler Coup gelungen, wenn "ihr" Gesetz verabschiedet würde und für mehr Transparenz und eben für mehr Gleichheit bei der Bezahlung von Männern und Frauen sorgen könnte. Gegner des Beschlusses, überwiegend VertretER aus CDU und Wirtschaft, fürchten Bürokratie und zusätzliche Kosten. Ja, natürlich könnte es es ersteinmal teuerer werden. Das ist fast zwangsläufig so, wenn für gleiche Arbeit gleicher Lohn bezahlt wird – und es vorher nicht so war. Würden Frauen weniger Teilzeitarbeitsverhältnisse eingehen, wären sie auch beim Gehalt besser gestellt, lautet ein beliebtes Argument der Gegner. Frauen würden sich für die weniger lukrativen Berufe oder Spezialisierungen entscheiden, lautet die zweite Begründung und "Legitimation", um beim Status quo zu verharren und die "Schuld" gleich bei den Frauen zu lassen. Berufe in denen mehr Frauen als Männer arbeiten, z.B. in nichtärzlichen Gesundheitsberufen sind ja nicht wirklich überflüssig und Personal wird v.a. in der Pflege dringend gebraucht. Würden also diese Berufe mehr gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung erfahren, würde bei manchem Paar die Entscheidung, wer nun aufgrund des Verdienstes besser zuhause bleibt nicht so klar getroffen werden können. Die jungen Väter, die ihre Elternzeit wahrnehmen, lassen einen allmählichen Bewusstseinswandel erkennen, der künftig auch die Arbeitsverhältnisse bei Männern beeinflussen wird; aber mit rund 35 Prozent, die ihre Kinder für kurze Zeit vollzeit betreuen, bleibt der Löwenanteil immer noch den Frauen überlassen. Alternative: einfach keine Kinder bekommen? Eine für Volkswirtschaften und dann irgendwann auch für Unternehmen riskante Entscheidung, die in der Vergangenheit von Frauen getroffen wurde bzw. werden musste, die noch über weit weniger Möglichkeiten von Betreuung und Vereinbarkeit verfügten. Die Konsequenzen des demografischen Wandels werden jeden Herbst zunehmend spürbar, wenn Betriebe händeringend nach Auszubildenden suchen.
Selbst wenn die Qualifikation "stimmt" und selbst, wenn die Betreffenden kinderlos sind, bleibt der Gehaltsunterschied und die attraktiveren Posten bleiben in männlicher Hand. Das ist bei Ärztinnen so, wie die jüngst veröffentlichte Dokumentation des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB) zeigt, und das ist ganz allgemein in der Wissenschaft so, wie aus dem aktuellen Bericht "Chanchengleichheit in Wissenschaft und Forschung" hervorgeht. Rollenstereotype scheinen in Deutschland über besondere Beharrungskräfte zu verfügen; denn der Blick über die Grenze zeigt, dass es anscheinend auch anders geht, ohne, dass Wissenschaft und Wirtschaft zum Erliegen kommen. Während die weiblich besetzten C3/W2-Professuren bei 23,4 Prozent liegen bzw. bei 18 Prozent bei C4/W3-Professuren, wurden in Luxemburg, Finnland und Schweden bereits 2013 zwischen 38 und 50 Prozent aller Forschungseinrichtungen von Frauen geleitet. Ob dort eine W3-Professorin auch 37 Prozent weniger verdient als ihr männlicher Kollege wie in Niedersachen, bleibt zu fragen.

Allerdings; auch die KritikerINnen, denen Schwesigs Entwurf (noch) nicht weit genug geht, werden (schmerzlich) einsehen müssen, dass hier die Bretter in Deutschland besonders dick sind und frau/man erstmal anfangen muss zu bohren.

Sonntag, 11. September 2016

Editorial Kongress-Brief Gender-Gesundheit (Juli/August 2016)




Schwimmen mit Burkini? Nach dem die Sommer- und Feriensaison mit terroristischen Anschlägen tragisch startete, schien mit dem "Burkini-Streit" an Frankreichs Stränden endlich ein wirkliches Sommerthema gefunden. An der Auseinandersetzung um religionskonforme Badebekleidung muslimischer Frauen konnten Urlauber an allen europäischen Stränden teilhaben. Fotos, auch in der Tageszeitung meiner spanischen Sommer-Wahlheimat, zeigten wie eine am Kopftuch erkennbare muslimische Frau, umgeben von leichtbekleideten Geschlechtsgenossinnen sich vor drei mit schusssicheren Westen bewehrten männlichen französischen Polizisten eines Ganzkörperüberwurfs, den sie über ihren Ganzkörper-Badeanzug trug, zu entledigen hatte. Wurden im Spanien der 70er Jahre bikinitragende Frauen noch nachdrücklich dazu angehalten, sich vollständiger zu bedecken, entbehrt 2016 der umgekehrte Anspruch nicht einer gewissen Komik.
Während u.a. im Iran eine "Religionspolizei" mit erniedrigenden Methoden dafür sorgt, dass Frauen sich "züchtig" kleiden und jedes hervolugende Haar ahnden – vollziehen am Strand von Nizza bewaffnete französische Polizisten die gegenteilige Forderung, um das seit August geltende Burkiniverbot durchzusetzen. Nach der jüngsten islamistisch motivierten furchtbaren Terrorattacke am 14. Juli in Nizza, lässt sich die Abwehrreaktion gegen sichtbare muslimische Kleiderordnung v.a. am Strand emotional nachvollziehen. Aber hätte man hier nicht wenigstens weibliche Polizisten auf Strandstreife schicken können? Mit dem Zwang, sich der Verhüllung vor versammeltem Strandpublikum und Handy-Fotografenzu entledigen, ist nicht etwa eine größere Freiheit für die Betreffende gewonnen, sondern sie wird ähnlich wie im Iran an den Pranger gestellt. Nur eben mit umgekehrten Vorzeichen.
Paradoxerweise, und das hat mein Mann sofort erkannt, dient eine Vollverschleierung dazu, Frauen in der Öffentlichkeit unsichbar zu machen, d.h. als eigenständige Personen zu negieren. Der Burkini dagegen macht sie sichtbar(er) – wenigstens am Strand. Warum nicht in kleinen Schritten voran? Vor rund 100 Jahren hatte die weibliche Bademode erstaunlich viel Ähnlichkeit mit dem heute umstrittenen Kleidungsstück; bestehend aus einem Badehäubchen, einem Oberteil mit Ärmeln und Röckchen, das den (damals) "unaussprechlichen" Teil der Dame bedeckte und natürlich den Beinkleidern. Auch die männliche Bademode bezog den Oberkörper mit ein. Wie dem Burkini durchaus ein positiver Aspekt abgewonnen werden kann, zeigt z.B. das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Leipzig, das 2013 entschied, dass Schülerinnen, die einen Burkinin tragen könnten vom Schwimmunterricht nicht mehr dauerhaft befreit würden. In jedem Fall dürfte das Mehr an Stoff den Trainingseffekt beim Schwimmen verstärken. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sich z.B. muslimische Männer solidarisch zeigten und gleichfalls ihren ganzen Körper für die Badefreuden bedeckten. Abwegig? Eine Initiative junger Männer der islamischen Republik Iran posten unter dem Hashtag #meninhijab ihre Interpretation von Verschleierung und zeigen sich mit Kopftuch oder im Vollverschleierungsoutfit neben ihren "unbedeckten" Frauen.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Genderaspekte bei Diabetes?

Diabetes mellitus Typ 2 wird die Gesundheitspolitik und die große Koalition in diesem Jahr beschäftigen und vermutlich nicht nur in diesem Jahr. Die Zahlen der aktuellen Erkrankungen und der neu hinzukommenden zeugen von epidemischem Ausmaß: von z.Z. 6.000.000 an Diabetes Erkrankten, leiden ca. 5.700.000 am Typ 2 Diabetes, also rund 7 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Tendenz steigend, bei jährlich 270.000 und täglich 750 Neuerkrankungen. Mit einem "Nationalen Diabetesplan" will man sich nun der Entwicklung entgegenstemmen.
Aufklärung und Schulungen sollen bei den Patientinnen und Patienten ansetzen. Prävention, Grundlagenforschung und Datenbanken sind die gefragten Mittel. Hier wäre ein geschlechtsspezifischer(er) Ansatz wünschenswert, um möglichst gezielt auf die Betreffenden einzugehen und damit die Behandlung – besser noch die präventiven Maßnahmen – möglicherweise effizienter zu gestalten. Noch sind die Formulierungen etwas allgemein.
Eine stärkere Berücksichtigung der biologischen Aspekte und des sozialen Umfelds könnte für Verbesserungen bei Diagnose und Behandlung der Krankheit führen. Beispiel: Ein niedriger Testosteronspiegel kann bei übergewichtigen Männern für eine Insulinresistenz sorgen; ein erhöhter Androgenspiegel dagegen bei Frauen zu einem erhöhten Diabetesrisiko führen. Die Gefahr an einem Schlaganfall zu versterben, ist bei Diabetikerinnen um das 3 bis 7 fache höher als bei ihren männlichen Leidensgenossen. Das komplexe Wechselspiel zwischen Hormonen und blutzuchersenkenden Medikamenten wird an der Universtität Wien derzeit noch erforscht.
Diabetikerinnen erfahren ihre Diagnose häufig erst nach der Menopause, also deutlich später als Diabetiker. In der Folge fühlen sich diese Frauen oft allein gelassen und können zudem an einer Depression erkranken. Der bewusste Umgang mit der Krankheit fordert viel von den Betroffenen – und hier spielt der psychosoziale Hintergrund durchaus eine Rolle; denn um eine Lebensumstellung umzusetzen, braucht es Aufklärung und eine nicht geringe Kompetenz die Informationen in den Alltag zu integrieren. Erkrankten Frauen fehlt häufig ein Berufsabschluss, während Männer größtenteils über eine qualifizierte Berufsausbildung verfügen. Frauen  arbeiten – wie sonst auch – meist in Teilzeit, versorgen Familie, Haushalt und ggf. zu pflegende Angehörige. Doppelbelastung und überwiegend traditionelle Lebensumstände machen eine Ernährugsumstellung nicht leicht und lassen die empfohlene sportliche Betätigung in den Hintergrund treten. Männer gilt es dagegen für präventive Maßnahmen zu gewinnen und das ist – nicht nur im Bereich Diabetes – eine eigene Herausforderung.

Der vermeintlich weiche Faktor "Kommunikation" scheint für eine erfolgreiche Behandlung der Volkskrankheit nicht unerheblich. Eine bereits 2008 in Kanada durchgeführte Untersuchung zeigt, dass auch das Geschlecht der behandelnden Ärzte Einfluss auf den Behandlungserfolg haben. Hier waren Ärztinnen insgesamt erfolgreicher. (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18397244)

Montag, 17. November 2014

Editorial Kongressbrief Gender-Gesundheit (Dez. 2014)

Frauen und Pflege. Das scheint irgendwie zusammen zu gehören; in der beruflichen wie der privaten Praxis und – das vor allem – immer noch im gesellschaftlichen Selbstverständnis. Das Pflegezeitgesetz verspricht zwar Abhilfe bei der schwierigen Frage, wie die Fürsorge für nahe Angehörige und der Beruf in Einklang gebracht werden können. Ob aber ein Rechtsanspruch auf eine
Verringerung der Arbeitszeit und auf Rückkehr zur gewohnten Arbeitszeit das Dilemma wesentlich mindert, wird die Zukunft zeigen. Denn wie sieht es auf Arbeitgeberseite aus, müssen doch die Betriebe mit der reduzierten Arbeitszeit oder gar dem temporären Ausfall der Arbeitskraft umgehen?
Vor allem kleineren und mittleren Unternehmen fällt es oft schon schwer, Schwangerschaftsurlaub und Elternzeit organisatorisch und finanziell zu stemmen. Nun sind es nur Frauen, die Kinder bekommen können und in der ersten Zeit versorgen. Wenn jedoch weiterhin wie selbstverständlich von der Prämisse ausgegangen wird, dass Frauen später auch die Pflege für Angehörige übernehmen, sind mit einem weiblich besetzten Arbeitsplatz weitere – nennen wir es mal unpopulär – Belastungen verknüpft. Inwieweit sich das künftig im Rekrutierungsverhalten der Betriebe auswirkt, wird sich zeigen. Die Teilzeitfalle schnappt für viele Frauen schon jetzt beim Gehalt und später bei der Rente zu – bei der Karriereentwicklung sowieso. Schließt sich an die Phase der Kindererziehung die Pflege von Angehörigen an, schließt sich auch hier der Kreis. Die Aufnahme eines – zwar zinslosen – Darlehens, um den Verdienstausfall zu kompensieren, dürfte für viele Berufsgruppen, in denen vorwiegend Frauen beschäftigt sind, nicht leicht fallen.
Das Pflegezeitgesetz ist ein richtiger Schritt in die richtige Richtung und mag im individuellen Fall auch eine große Erleichterung sein. Die Bewältigung der Lebensaufgaben, die außerhalb einer Erwerbstätigkeit liegen, wie Kindererziehung und/oder Pflege, muss in Zukunft strukturell jedoch gesamtgesellschaftlich gelöst werden. Hier wären Überlegungen wünschenswert und zu bündeln, die nicht traditionelle Zuschreibung fortsetzten, sondern wirklich innovative Ansätze lieferten. Vielleicht beflügelt ja das Neue Jahr! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesundes und erfolgreiches 2015, mit vielen frohen Stunden.

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Jahrbuch Gendergesundheit 2014

Ich freue mich Ihnen das „Jahrbuch Gendergesundheit 2014“ heute vorstellen zu dürfen. Das Buch fasst grundlegende Aspekte der Diskussion zur Gendergesundheit zusammen und lässt die wichtigsten Akteure zu Wort kommen. Außerdem präsentiert der Band in einem ausführlichen Schlusskapitel die Ergebnisse des „Bundeskongress Gender-Gesundheit“ im Jahr 2014, der alljährlich eine Plattform für den interdisziplinären Austausch der Akteurinnen und Akteure im Gesundheitswesen etablieren ...möchte. Ziel ist es dabei ausdrücklich nicht, gegen ein bislang eher männlich ausgerichtetes Gesundheitssystem zu polemisieren, Anspruch des Jahrbuchs und des Kongresses ist es vielmehr, die unterschiedlichen Zugänge und Versorgungsnotwendigkeiten beiderlei Geschlechter in den Fokus zu nehmen und damit eine möglichst zielgenaue Versorgungseffizienz der auf allen Ebenen knapper werdenden Ressourcen zu erreichen. Vor allem die Forderung nach einem Gender-Blick auf unser Gesundheitssystem ist ein akut fälliger Schritt für eine gesundheitliche Versorgung nach den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts. Mit dem Jahrbuch zur Gender-Gesundheit möchten die Herausgeberinnen ( Prof. Dr. Clarissa Kurscheid und Dr. Martina Kloepfer) und Autorinnen sowie der Herausgeber (Dr. Albrecht Kloepfer) und die Autoren Themen aus den Bereichen Medizin, Beruf, Wissenschaft und Gesellschaft nachhaltig begleiten und so dem Thema einmal mehr Bedeutung über den Kongress hinaus verleihen.

Weitere Informationen unter:http://www.amazon.de/Jahrbuch-Gendergesundheit-2014-Gesellschaft-Gesundheitsmarkt/dp/3862161498

Mittwoch, 16. April 2014

2. Bundeskongress Gender-Gesundheit

Editorial des KongressBriefs GenderGesundheit (März 2014)

"Wollen wir überhaupt Frauen in der Medizin haben?" Mit dieser Frage konfrontierte die designierte Präsidentin des Weltärztinnenbundes, Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer, die Teilnehmer des  2. Bundeskongresses Gender-Gesundheit am 13. und 14. März. Der rasant steigende Frauenanteil unter der Ärzteschaft wird durchaus auch als Bedrohung gesehen. So wird paradoxerweise der wachsenden Zahl von Ärztinnen eine Mitverantwortung für den Ärztemangel zugeschrieben und (aufgrund notwendiger Umstrukturierungen) für die steigenden Kosten im System. Aha! Also die Frauen sind schuld? Auch wenn diese (schlichten) Äußerungen stark an die Vorbehalte derjenigen erinnern, die vor über 100 Jahren den Untergang der Medizin fürchteten, sollten Frauen dieses Fach studieren; machen sie andererseits klar, dass es ernst wird mit dem "Wertewandel". Altes muss überdacht und vielleicht aufgeben werden, der Untergang wird spürbar und, wie bei jeder Neuerung, das Kommende dämonisiert – bis es (irgendwann) Alltag wird. Manches Selbstverständnis und mancher Wertekanon wird nicht mehr haltbar sein. Die nicht zwingend kostspielige Vereinbarkeit-von-Familie-und-Beruf  wird neue Strukturen schaffen, in der Außerberufliches einen anderen Stellenwert hat und 72-Stunden-Wochen weniger als Ritterschlag gelten, sondern eher als gesundheitlicher Leichtsinn. Christian Kraef, Präsident der Bundesvertretung der Medizin-studierenden in Deutschland (bvmd) ergänzte, dass auch die künftigen jungen Ärzte um die richtige Balance von Beruf und dem restlichen Leben bemüht sind.

Hierarchien werden durchlässiger werden – müssen. Arbeitszeiten flexibler und bestimmte Aufgaben werden delegiert werden – müssen, um für mehr Effizienz und Entlastung zu sorgen. Kurz: neue Modelle müssen gedacht und ausprobiert werden; im Arbeitsalltag, aber auch bereits in der Ausbildung. Flacherer Hierarchien fordern eine Kommunikation auf Augenhöhe und sorgen für ein Arbeitsumfeld in dem die Dropout-Quote sinkt, auch die der jüngeren männlichen Ärzteschaft. Ein weniger durch Hierarchiedenken geprägtes Arbeitsumfeld, könnte auch dazu führen, dass mehr Frauen eine Chefarztposition oder eine Professur einnehmen. Hier ist die mangelnde Vereinbarkeit weniger ausschlaggebend wie der Vergleich mit der ehemaligen DDR zeigt; denn trotz besserer Betreu-ungssituation waren auch hier nur wenige Ärztinnen auf höheren Positionen zu finden. Würde sich das Verhältnis von Medizinern und Medizinerinnen, das vor 15 Jahren bereits die Marke 50:50 erreicht hatte, annähernd in den Fakultäten der Universitäten spiegeln, hätten wir Fragen zur geschlechtsspezifischen Behandlung von koronaren Herzerkrankungen oder einer Depression oder auch einer angemessenen Medikation vielleicht früher gestellt.
Flachere Hierarchien und der Mut zur Delegation könnten auch zu einer größeren Wertschätzung und damit zur wachsenden Attraktivität des Pflegeberufes beitragen. Im Gegensatz zum prestigeträchtigen und besser bezahlten Arztberuf ist die Feminisierung in der Pflege ganz selbstverständlich. Für eine ansatzweise Maskulinisierung bedarf es der Nachbesserungen, die lange überfällig sind. Eine Männerquote könnte hier vielleicht für Beschleunigung sorgen.